Die wohl aus der Zeit um 1100 stammenden Turmwände haben im Erdgeschoß eine Stärke von bis zu 1,50 m, in der Glockenstube immerhin noch von etwa 1,00 m.

Die mittelalterlichen Maurer haben diese Wanddicken nicht massiv durchgemauert, sondern ein sogenanntes dreischaliges Mauerwerk errichtet.

Dabei wurde aus Bruchsteinen ein ca. 20 – 30 cm starkes Innen- sowie Außenmauerwerk, sogenannte Mauerwerksschalen, gemauert, der Zwischenraum zwischen diesen Schalen mit Steinabschlägen, kleineren Bruch- und Feldsteinen  sowie mit viel Mörtel ausgefüllt.

Dies ergibt ein an und für sich stabiles Mauerwerk, durch Zutritt von Wasser in das Mauerwerksgefüge kann es aber passieren, dass sich die Außenschale dann vom Mauerwerkskern löst und abzustürzen droht.

Genau dieses Problem ist irgendwann einmal in Oldendorf eingetreten.

Wir haben bei den Sanierungsarbeiten feststellen müssen, dass insbesondere die witterungsbelastete Turmwestfassade in einer Höhe von knapp 8 m und einer Breite von ungefähr 4 m um etwa 15 cm vom Mauerwerkskern abgerissen war.

In den vergangenen Jahrhunderten ist dann durch den Einbau von eisernen Mauerwerksankern und Klammern versucht worden, dem Einsturz der westlichen Turmfassade entgegenzuwirken.

Dabei wurden, je nach Bauzeit und Bauphase, die unterschiedlichsten Mörtel verwendet.

So konnten beim Ausbau der abgerissenen Außenschale im Mauerwerksinnern neben verschiedensten Kalkmörteln Gipsmörtel, Kalkgipsmörtel und, aus späteren Zeiten, auch Zementmörtel gefunden werden; selbst Lehmmörtel wurden für Ausflickungen und Ausbesserungen verwendet.

Durch die vorgefundenen Gips- und Kalkgipsmörtel ergaben sich für die Sanierungsarbeiten besondere Schwierigkeiten, da gipshaltige Mörtel insbesondere mit Zementmörteln, aber auch mit hydraulischen Kalkmörteln sogenannte Treibmineralien bilden können, welche durch ihre Kristallbildung einen derartigen Druck auf das Mauerwerksgefüge ausüben können, dass auch große Wanddicken problemlos auseinandergeknackt werden können.

Dies hatte in Oldendorf zur Folge, dass nur spezielle gipsverträgliche Mörtel für alle Mauer- und Fugarbeiten zum Einsatz kommen konnten.

Insgesamt wurden knapp 45 Kubikmeter der abgängigen Außen-Mauerwerksschale aus- und, mit dem Füllmauerwerk und der Innenschale des Turmes verzahnt, wieder eingebaut.

Die im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Mauerwerksrisse wurden geöffnet, mit Mörtel ausgestopft und mit Edelstahl-Ankerbändern vernäht.

Hohlräume im Mauerwerksgefüge wurden durch Mörtelinjektionen geschlossen, zusätzlich sichern knapp 100 Mauerwerksanker den künftigen Zusammenhalt des dreischaligen Turmmauerwerks.

Versuchen wir heute, über die Baugeschichte einer Kirche Erkundigungen einzuziehen, so lassen sich die letzten 100 – 200 Jahre im Allgemeinen recht gut über schriftliche Dokumente, Beschreibungen oder Handwerkerrechnungen nachvollziehen.

Bei Kirchengebäuden, welche noch aus dem Mittelalter stammen, liegen die vorhergehenden Jahrhunderte jedoch weitestgehend im Dunkeln, da in früheren Zeiten so gut wie nichts schriftlich festgehalten wurde, so dass über die frühe Baugeschichte einer Kirche meist nur das Gebäude selbst Auskunft geben kann, nämlich in Form von Inschriften in Steinen, Baufugen, Baunähten oder zurückgebliebenen Spuren früherer Bauteile.

Eine umfangreiche bauliche Instandsetzung, wie sie jetzt in Oldendorf vollendet werden konnte, bietet darüber hinaus die einmalige Gelegenheit, sich mit der Geschichte eines Gebäudes auseinanderzusetzen und Nachforschungen anzustellen, da bei den anstehenden Bauarbeiten oft Bereiche des Gebäudes zugänglich werden, welche ansonsten nicht einsehbar sind.

Im Falle der Kirche in Oldendorf konnten auf diese Weise einige neue Erkenntnisse gewonnen werden, welche so bislang nicht bekannt waren.
Wie sehen diese neuen Erkenntnisse nun also aus?

Aufgrund der Art und Weise, wie z.B. Fensteröffnungen, Säulen, Kapitelle und Friese gestaltet sind, ist davon auszugehen, dass die ältesten Teile Ihrer Kirche, nämlich der Turm, der Chor und die Apsis aus der Zeit um 1100 stammen.

Das Kirchenschiff ist nach einer Inschrift im Jahre 1468 vollendet und wieder eingeweiht worden, nachdem bei einem Brand im Jahre 1430 das alte Kirchenschiff beschädigt worden war.

Spuren dieses Brandes konnten wir bei den Bauarbeiten an der Turmostfassade, das ist die Turmwand über dem Kirchenschiff, feststellen.

Etliche der hier verbauten Sandsteine waren durch große Hitzeeinwirkung rot verfärbt und gerissen, so dass davon auszugehen ist, dass die aus dem Kirchendach schlagenden Flammen bis zum Turmdach hinaufreichten und Schäden selbst am Mauerwerk hinterließen.

Der Dachstuhl des Turmes, übrigens vollständig aus Eichenholz abgezimmert, konnte anhand einer Datierung der Jahresringe der Balken und Sparren zweifelsfrei und komplett auf das Jahr 1443 datiert werden.

Wir können aus der zeitlichen Nähe dieser beiden Jahreszahlen schließen, dass bei dem Brand der Kirche im Jahre 1430 nicht nur das Kirchenschiff zerstört, sondern auch das Turmdach derart in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass eine Reparatur nicht mehr in Frage kam und 1443 eine vollständige Erneuerung des Dachstuhls nötig wurde.

Wahrscheinlich ist, dass nach dem Brand zunächst das Kirchenschiff notdürftig wieder hergerichtet wurde, um hier wieder Gottesdienste abhalten zu können, möglicherweise war aber auch der Chorraum so wenig beschädigt, dass dieser für Gottesdienste provisorisch weiter genutzt werden konnte.

Danach benötigte es dann etwa weitere 10 Jahre, bis 1443 das Turmdach komplett erneuert werden konnte und noch einmal weitere 25 Jahre, bis es schließlich zu einer Erneuerung auch des Kirchenschiffes kam.

Wahrscheinlich ist, dass zwischen dem Kirchenbrand 1430 und Neuerrichtung des Turmdaches 13 Jahre später die Dacheindeckung mehr oder weniger beschädigt Wind und Wetter ausgesetzt gewesen ist.

Wir meinen, dass hierin die Ursache für die massiven Schäden am Turmmauerwerk begründet sein könnte, indem nämlich nach dem Brand der Kirche der Turm zunächst ohne eine intakte Dacheindeckung über 10 Jahre stand, da man sich als Kirchengemeinde vordringlich zunächst um die Wiederherstellung des Kirchenraumes kümmern musste, so dass in dieser Zeit über die offenen Mauerkronen ungehindert Regenwasser in das Mauerwerk eindringen und hier im Zusammenspiel mit Frost und Mörtelauswaschungen sein Zerstörungswerk anrichten konnte.

Die würde bedeuten, dass erst jetzt, knapp 580 Jahre nach dem Brand der Kirche, die letzten Schäden dieses Ereignisses behoben wären.

Mein Dank gilt der Kirchengemeinde für ihre vertrauensvolle, harmonische und bisweilen auch richtig humorvolle Zusammenarbeit.

Den größten Anteil am Gelingen der Turmsanierung hatten jedoch die Handwerker der 21 am Bau beteiligten Handwerksfirmen, welche bis auf vier Firmen aus dem näheren Umkreis und Südniedersachsen stammen – ihnen gilt mein ganz besonderer Dank und ohne sie würden wir heute alle nicht hier sitzen.

Ganz besonders freue ich mich, dass in den vergangenen 1 ½ Jahren kein Arbeitsunfall zu verzeichnen gewesen ist und alle Handwerker immer heil und gesund nach Hause gekommen sind.

Schön ist auch, dass die vorher geschätzten Baukosten von über 640.000,00 Euro nicht überschritten werden mussten, was bei Bauarbeiten an diesen alten Gebäuden eigentlich eher die Ausnahme darstellt.

Danke!

Monatsspruch Dezember 2018

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut.
(Matthäus 2,10 )
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