3-Minuten-Kirche am 12. Juli 2020
 
 
Der 12. Juli ist der „Tag der Einfachheit“ - er erinnert an den Philosophen Henry David Thoreau, der am 12. Juli 1817 geboren wurde. Thoreau zog sich für eine Zeit aus dem sozialen Leben zurück. Über zwei Jahre lebte er in einer Blockhütte im Wald. In dieser Zeit hatte er nahezu keine sozialen Kontakte. 
 
Nach seiner Rückkehr in die Zivilisation schrieb Thoreau seine Erfahrungen in dem Buch „Walden“ auf. Eine seiner Erkenntnisse lautet: „Den Reichtum eines Menschen kann man an den Dingen messen, die er entbehren kann, ohne seine gute Laune zu verlieren.“ Die Entbehrungen, die er im Wald durchgemacht hatte, haben in ihm erstaunlicherweise nicht den Wunsch „nach mehr“ geweckt. Vielmehr kam ihm die Einsicht, dass es begehrenswerter ist, nichts zu brauchen, anstatt alles zu haben.
 
Das Zitat Thoreaus erinnert mich an einen Satz aus der Bergpredigt, wo Jesus über die Dinge redet, die wir Menschen begehren. Am Ende steht sein Rat: „Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes. Sorgt euch nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen.“
 
Sowohl Thoreau als auch Jesus haben erkannt, dass Menschen dazu neigen, sich von materiellen Dingen abhängig zu machen. Die Dinge dieser Welt sind zwar nicht an sich schlecht - aber wenn wir glauben, dass sie uns dauerhaftes Glück verschaffen können, dann sind wir abhängig von ihnen. Und wie sehr können wir unser Leben genießen, wenn wir im Innersten unfrei sind?
 
Gott will uns aus dieser Unfreiheit befreien damit wir die Fülle des Lebens erfahren. Diese Erfahrung hat wohl auch Paulus gemacht. Er schreibt: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“
 
Ich verstehe diese Freiheit des Geistes ganz im Sinne von Thoreaus Einsicht als eine Freiheit von den Dingen - und nicht als eine Freiheit, alles tun zu können. Freiheit bedeutet, Dinge entbehren zu können - ohne seine gute Laune zu verlieren.
Denn dann sind wir dem Reich Gottes schon einen Schritt nähergekommen.
 
Es grüßt Sie und euch: Ihr/ euer Pastor 
 
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3-Minuten-Kirche am 08. Juli 2020
 
 
Neulich war ich in Alfeld unterwegs.
Während ich durch die Stadt gehe, höre ich Musik. Erst denke ich, das kommt aus einem Lokal auf dem Marktplatz. Doch beim Weitergehen stelle ich fest: Es kommt aus Richtung der Kirche. Ich stolpere mitten hinein in eine Open-Air Andacht an der St. Nicolai Kirche. Menschen stehen mit Masken bekleidet großzügig verteilt auf dem Außengelände, einige sitzen auf Steinstufen, Vorbeigehende bleiben kurz stehen. Auch ich setze mich auf eine Stufe und freue mich. Denn gerade wird gesungen. Draußen, mit Abstand, hinter Masken und mit Klavierbegleitung.
„Ich sing dir mein Lied“ - das kenne ich, da kann ich einfach so einstimmen und mitsingen.
 
Ich habe bisher keinen Gottesdienst besucht, seit es wieder möglich ist, eben weil mir das Singen dort so sehr fehlen würde. Und nun sitze ich unvermittelt mittendrin – im Gesang und in der Andacht.
 
Dann kommt das Vater unser und ich, die ich mir in der gottesdienstfreien Zeit angewöhnt hatte, immer dann, wenn die Glocken zum stillen Gebet geläutet haben, leise für mich ein Vater unser zu beten, ich stehe inmitten dieser Anderen und wir beten gemeinsam. Und plötzlich merke ich, dass mir Tränen die Wangen herablaufen. Ich bin bewegt, berührt und zutiefst beglückt. Mir war gar nicht klar, wie sehr ich das gemeinsame Beten und Singen vermisst habe. Bis ich plötzlich weinend dastand.
 
Dass die Liturgin sich als alte Schulfreundin und Wegbegleiterin im Ehrenamt entpuppte, die derzeit in Alfeld ihr Vikariat macht, war dann das Sahnehäubchen auf dem ohnehin schon wunderbaren Erlebnis.
 
„Ich sing dir mein Lied, in ihm klingt mein Leben. Die Töne, den Klang hast du mir gegeben von Zeichen der Hoffnung auf steinigen Wegen, du Zukunft des Lebens. Dir sing ich mein Lied.“
 
Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie solch beglückende Momente erleben und sich in Gottes Nähe geborgen fühlen!
 
Ihre Diakonin 
 
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3-Minuten-Kirche am 05. Juli 2020
 
 
Ist der „liebe Gott“ eigentlich immer lieb?
 
Die Rede vom lieben Gott ist schön und angenehm. Das ist doch der, der uns immer beschützt, der alles zum Guten wendet, der bewahrt vor Unfall und Gefahr, der Wohl-stand und Glück, Gesundheit und langes Leben schenkt - und doch gefälligst auch zu schenken hat, wenn er lieb ist.
 
Wo finden wir diesen lieben Gott oder Hinweise darauf, dass er wirklich so ist?
In unserem Leben? Na ja, manchmal vielleicht, wenn es gerade gut läuft. So manche belastende, bedrohliche, schmerzliche Erfahrung will dazu aber gar nicht passen.
Oder in der schönen Natur? Wer so denkt, hat noch nie genauer hingeschaut, was da wirklich passiert. Da ist viel Schönheit und Leben, aber auch jede Menge Vergehen, Leiden, Sterben, Tod.
Aber dann vielleicht doch wenigstens in der Bibel? Nee, nicht wirklich. Den „lieben Gott“ kennt die Bibel nicht, sondern den aus brennender Liebe handelnden, der Leben will und schenkt und gerade deshalb auch Zorn empfindet und richtet (zu Recht bringt), was Leben verhindert, vernichtet.
Aber dann vielleicht doch wenigstens bei Jesus und im neuen Testament? Da ist er doch der „liebe Gott“ – oder? Naja lesen Sie mal Matthäus 25, das Gleichnis vom großen Gastmahl, die Bergpredigt, den Schalksknecht und vieles mehr. Auch hier begegnet uns der aus brennender Liebe handelnde Gott, aber nicht der „liebe Gott“ und erst recht nicht ein Prinzip Liebe, das alles bejaht.
 
Wie sollte wirkliche Liebe denn auch „Ja“ zu allem sagen, etwa zu Ungerechtigkeit, Gewalt, Verlogenheit, Betrug, Missbrauch? Doch wohl undenkbar!
Der „liebe Gott“ ist also verlässlich allenfalls in unserer Wunschvorstellung von ihm zu finden und die hat - wie wir wissen – auch sonst oft wenig Anhalt an der Realität, geschweige denn an der Wirklichkeit Gottes.
Der nämlich ist kein zeitloses Prinzip Liebe, kein Erfüller unserer Wünsche, wie die Fee im Märchen, sondern ein sich lebendig in der Beziehung zu seinen Geschöpfen wandelnder, der dabei aber immer bewegt ist von der Zuwendung und der Liebe zum Leben.
 
Was das gerade jetzt für mich heißt. Der „liebe Gott“ muss nicht reparieren, was zerbricht. Er muss nicht vor allem schützen, was bedroht.  Aber es ist sehr gut zu wissen, dass alles, was uns zusammen, was mir persönlich oder meinen Lieben auch passieren kann, im Letzten umfangen ist und bleibt von seiner Liebe.
 
Also: Ist der liebe Gott eigentlich immer lieb? Nein, das ist er nicht. Aber er liebt immer, auch da, wo er mich an Grenzen stoßen lässt; da, wo unsere Wünsche sich nicht erfüllen; wo unser Leben bedroht ist; ja selbst, wo es schwindet und vergeht.
 
Die Geborgenheit in dieser Liebe Gottes, den wir Vater nennen dürfen, das wünscht Ihnen
Ihr Pastor 
 
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3-Minuten-Kirche am 01. Juli 2020
 
 
Sind Sie ein Schaf? Oder eher Fisch? Und: Schlafen sie eher, oder sind sie tot?
 
Okay, ich gestehe, diese Fragen wirken wirr. Aber mir scheinen diese Tiere in Zeiten der Corona-Pandemie sehr populär. Ausrufe wie „Schlafschaf!“ oder „Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom!“ zeigen, dass die Menschen von heute wieder echte Helden suchen. Also Menschen, die es wagen sich gegen die Mehrheitsmeinung zu stemmen; die den berühmten „Mut zur Wahrheit“ haben. Und wer auf diese Helden nicht hört ist entweder ein Schlafschaf oder eben ein toter Fisch.
 
Ich finde Helden total gut! Doch wenn ich mir anhöre, was die Helden von heute so von sich geben…
Unter anderem das: Es sei doch sehr egoistisch von den „Risikopatienten“, dass die Mehrheit der Bevölkerung wegen ihnen tiefgreifende Veränderungen im Alltag hinnehme müsse. Das tragische an diesen neuen Helden: Durch ihren Mut zur „Wahrheit“ gefährden sie unzählige Menschenleben. Völlig sinnlos.
 
Andere Frage: Wussten Sie, dass am vergangenen Montag (29. Juni) Peter und Paul war? Also ein Gedenktag für die beiden Apostel Petrus und Paulus? Die beiden schwammen übrigens auch gegen den Strom. Denn inspiriert durch ihre Erfahrungen, die sie mit unserem Herrn Jesus machten, zogen die beiden los und verkündigten das Evangelium. Zur damaligen Zeit eine unerhörte Zumutung für alle Zeitgenossen! Eine neue Lehre, komische Inhalte und eine komische Lebensführung: Sie brachten jenen, die arm, schwach und krank waren Respekt, Liebe und Demut entgegen; sie forderten dazu auf, dass ein jeder alles tun soll, was in seiner Macht steht, um das Reich Gottes hier auf Erden für jeden von uns spürbar werden zu lassen. Diese beiden haben anderen Menschen das Leben gerettet und mussten ihr eigenes dafür lassen.
 
Und? Wer hat, Ihrer Meinung nach, das Zeug zum Helden?
 
Herzlich grüßt Ihr Vikar, Jan Edelstein
 
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3-Minuten-Kirche am 28. Juni 2020
 
 
„Während seines Pariser Aufenthaltes ging Rilke täglich um die Mittagszeit in Begleitung einer jungen Französin an einer alten Bettlerin vorbei. Stumm und unbeweglich saß die Frau da und nahm die Gaben der Vorübergehenden ohne jedes Anzeichen von Dankbarkeit entgegen. Der Dichter gab zur Verwunderung seiner Begleiterin, die selbst immer eine Münze bereit hatte, nichts. Vorsichtig darüber befragt, sagte er: ‚Man müsste ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.’ An einem der nächsten Tage erschien Rilke mit einer wundervollen, halberblühten Rose. Ah, dachte das Mädchen, eine Blume für mich! Aber er legte die Rose in die Hand der Bettlerin.
Da geschah etwas Merkwürdiges: Die Frau stand auf, griff nach seiner Hand, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang blieb sie verschwunden. Dann saß sie wieder auf ihrem Platz, stumm, starr, wie zuvor. ‚Wovon mag sie die ganzen Tage über gelebt haben?’ Rilke antwortete: ‚Von der Rose!’“
 
Diese Geschichte, die sich im Andachtsreader der Ev. Jugend Emsland-Bentheim findet, hat mich schon beim ersten Lesen vor vielen Jahren bewegt und spricht mich immer wieder neu an. Sie erzählt von den kleinen Dingen, die das Leben schön machen, so wie die Rose. Dinge, Erlebnisse, die das Herz ansprechen, die nicht notwendig sind zum überleben, die aber genauso wichtig sind und mir gut tun.
 
Manchmal gehen diese Dinge im Alltag unter, manchmal werden sie so selbstverständlich, dass ich sie aus dem Blick verliere. In den letzten Monaten habe ich viele Dinge noch einmal mit anderen Augen sehen gelernt. Alles, was bisher so selbstverständlich war, wurde in Frage gestellt. Und die kleinen, wichtigen Dinge des Lebens bekommen wieder einen anderen Stellenwert. Dafür bin ich dankbar.
 
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ So heißt es heute im Gottesdienst im Psalm 103. Ich möchte nicht vergessen, dass so viele Dinge in meinem Leben eben nicht selbstverständlich sind, dass ich an vielen Stellen reich beschenkt und gesegnet bin. Einer von vielen Gründen, Gott zu loben und dankbar zu sein.
 
Vielleicht fallen Ihnen ja auch kleine Dinge oder kleine Erlebnisse ein, die Ihr Herz angesprochen haben und Sie dankbar machen. Vergessen Sie sie nicht!
 
Ihre Pastorin 
 
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3-Minuten-Kirche am 24. Juni 2020
 
 
Alle Jahre wieder...
 
Heute ist der 24. Juni - in einem halben Jahr ist Weihnachten. Normalerweise hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sich dieser Tag gestalten wird. Und ich denke, das geht den meisten von uns so. Es gibt doch eigentlich keinen Tag im Jahr, der so vorhersehbar, so traditionell wie Heiligabend ist: immer die gleichen Lieder, die gleichen Texte, die gleiche Dekoration, das gleiche Essen… Alle Jahre wieder eben.
 
Doch dieses Jahr dürfte es anders werden. Dass der Gottesdienst an Heiligabend in gewohnter Form stattfinden kann, ist nicht sehr wahrscheinlich. Inwiefern Corona die Feierlichkeiten im Familienkreis beeinträchtigen wird, bleibt abzuwarten. Doch 2020 wird es vermutlich ein Weihnachten geben, wie wir es noch nie hatten.
 
Auch wenn wir in letzter Zeit schon einige ungewollte Veränderungen hinnehmen mussten, bin ich dennoch der Meinung, dass Veränderung grundsätzlich etwas Gutes ist - auch wenn wir uns oft aus Gewohnheit oder aus Angst vor dem Neuen am Alten festhalten.
 
So machte sich ja auch Jesus bei vielen seiner Zeitgenossen sehr unbeliebt. Schließlich brach auch er mit vielem, was in seiner Zeit als selbstverständlich galt - hat er neue Wege eröffnet, auf denen auch wir heute noch gehen. Und viel später hat dann Martin Luther einen mühsamen Kampf gegen die Traditionund für ein neues Leben gekämpft.
 
Als Christen stehen wir also in einer Tradition des Brechens mit der Tradition. Ohne die Veränderungen der Vergangenheit wären wir heute nicht die, die wir sind. Dennoch tun wir uns mit Veränderungen nicht unbedingt leicht. Die alten Wege scheinen sicher und leichter zu gehen zu sein. Doch ich vertraue darauf, dass Gott uns auf jeden Fall alles geben wird, was wir brauchen, wenn wir die alten Wege verlassen (müssen).
 
„Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.“
In diesem Sinn wünsche ich viel Mut zur Veränderung!
 
Ihr Pastor 
 
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3-Minuten-Kirche am 21. Juni 2020
 
 
Entweder - oder. Manchmal scheint es, als gäbe es nichts dazwischen.
Hund oder Katze? Nord- oder Ostsee? Tee oder Kaffee? Über diese Fragen sollen schon Beziehungen zerbrochen sein.
 
Um das gleich klarzustellen: Ich persönlich wollte nie eine Katze. Mit Katzen wusste ich nichts anzufangen. Ein Hund sollte es sein. Immer schon und unbedingt. Was die Küsten- und Getränkefrage angeht, kann ich mich ebenso deutlich positionieren.
Ich bin in Stade geboren, also ganz klar: Tee und Nordsee!
 
Nun ist mittlerweile eine Katze bei uns zuhause eingezogen (ihre Entscheidung – nicht meine), Milchkaffee und Rügen habe ich ebenfalls schätzen gelernt. Aber seien wir ehrlich: Die meisten von uns bleiben bei dieser Art Fragen sehr dogmatisch und sehen etwas mitleidig auf diejenigen mit der anderen Meinung. Die wissen es eben nicht besser. Tja.
 
In dieser Woche ist eine neue dieser kategorischen Fragen aufgetaucht: Corona-Warn-App installieren – Ja oder nein?!
 
Zugegeben, bei dieser Frage gibt es keinen Mittelweg. Man kann sich nur für oder gegen die Installation entscheiden. Ich habe mir die App gleich installiert. Ich sehe nämlich nicht, welchen Nachteil ich dadurch haben sollte. Meine Daten bleiben bei mir (außer ich nutze WhatsApp, Google, facebook, ...). Mein Bewegungsprofil wird nicht erhoben. Ich muss nichts bezahlen. Meine Anonymität bleibt – auch im Falle einer Infektion – gewahrt.
Im Gegenzug aber kann ich helfen, Infektionsketten schnell und konsequent einzudämmen. So helfe ich anderen und mir. Für mich spricht also alles FÜR diese Corona-Warn-App.
 
Ich kann aber auch akzeptieren, wenn sich jemand dagegen entscheidet. Ich bin gern bereit, darüber ins Gespräch zu kommen, manchmal ändern ja Menschen ihre Meinung nach dem Austausch von Argumenten (siehe unsere Katze).
 
Am Ende muss es jede*r selbst entscheiden. Und es ändert nichts an seiner Würde oder ihrem Wert, eine andere Meinung zu vertreten. Beides ist nämlich gottgegeben und unabänderlich! Katze hin oder her!
 
Bleiben Sie behütet! 
 
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3-Minuten-Kirche am 17. Juni 2020
 
 
„Nein über den Tod hat er zu Lebzeiten nicht gesprochen. Er wollte ja leben! Da mochte er wohl nicht daran denken.“
 
Das Dumme ist nur, man entgeht ihm damit nicht, dem Tod und seinen Auswirkungen.
Beispiel gefällig?
 
Nun, die menschlichen Reaktionen auf die Pandemie, zeigen seine Macht über uns, ohne dass wir das wollen. Da war und ist die Angst das Leben zu verlieren. Ich meine jetzt nicht eine begründete Sorge um die wirtschaftliche Existenz, auch nicht die vernünftige Fürsorge für die eigene Gesundheit oder die eines nahen Menschen. Ich meine vielmehr die Angst das Leben zu verlieren, die Verzweiflung es nicht sichern zu können und die daraus folgende Panik, wie sie sich u.a. in Hamsterkäufen von Toilettenpapier(!), Mehl, Hefe und wer weiß noch was zeigte. Und bestimmt von der gleichen Todesangst,der daraus erwachsenden tiefen Sorge, das beschränkte Leben nicht genügend ausschöpfen zu können, bei anderen, der Ruf danach, alle Beschränkungen zum Gesundheitsschutz so schnell wie möglich wieder auf zu heben, weil alles so sein soll, wie vorher. Bitte keine Einschränkungen, das Leben ist kurz.
 
Wo die Angst vor dem Tod Menschen reitet, ob nun in der Panik oder dem Schrei nach mehr an Leben und das, wenn es irgend geht, jetzt sofort, hat die Vernunft wenig Chancen und damit das Leben letztlich auch nicht.
 
Wieviel anders könnte ein Leben sein, dass aus dem getrosten Vertrauen aus Gottes Zusage „Deine Toten werden leben!“ (Jesaja 26, 19) schöpfen kann. Nicht mehr der Tod hat dann das Sagen, sei es nun in der Panik angesichts der Bedrohung oder auch dem Drängen nach soviel an vermeintlichen Leben wie nur irgend möglich. Sondern stattdessen die Zuversicht auf ein unverlierbares Leben, das doch längst bereit liegt. Denn Gottes Zusage ist doch: „Deine Toten werden leben!“
 
Christen vertrauen darauf: Die Verwirklichung dieser Zusage Gottes hat in der Auferstehung von Jesus Christus bereits begonnen. Wo dieses Vertrauen auf ein von Gott gewirktes, noch im Tod neu geschenktes Leben wächst, verliert der Tod schon jetzt seine Macht über uns, werden wir innerlich frei von ihm. Ja, wird unsere Vernunft erst frei nach dem zu fragen, was dem Leben denn wirklich dient.
Wo das Vertrauen auf Gott wächst, wo Gottes Geist ist, da ist Freiheit,  Da verliert selbst der Tod seine Macht, da kann man auch über ihn reden, weil er ein zwar oft schmerzlicher  Schritt ist, aber einer der ins Leben führt,  bei Gott.
 
Immer aufs Neue solch getroste Zuversicht – gerade in diesen Zeiten - wünscht sich und Ihnen
 
Ihr Pastor 
 
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3-Minuten-Kirche am 14. Juni 2020
 
 
Wann haben Sie das letzte Mal geträumt? Und? War es ein guter Traum? Ich wünsche es Ihnen. Denn mir scheint, dass ich mich an Albträume besser erinnern kann als an gute Träume.
Dennoch: Träume sind doch ein interessantes Phänomen, oder? Dem Odysseus soll ja die Idee mit dem Trojanischen Pferd im Traum eingeflüstert worden sein. Kaiser Konstantin soll im Traum von Christus das Kreuz als Zeichen des Sieges gedeutet bekommen haben. Und ohne den Fiebertraum von James Cameron wäre der Film „Terminator“ nie entstanden.
 
Träumen ist Gegenstand von vielen wissenschaftlichen Untersuchungen. Denn es gibt z. B. unter Neurophysiologen bis heute keine allgemein anerkannte Hypothese über seine Funktion!
Aber einen richtig guten Ruf genießen Träume bei uns nicht. Ich denke da z. B. an den höhnischen Ausruf „Ha! Du Träumer!“ Oder so ein spöttisches „Träum weiter!“ Was heißen soll, dass man mit dem, was man denkt, sagt oder tut, keinen Bezug zur Realität hat. In der Realität wird nicht geträumt! Schon gar nicht, wenn auch noch eine Pandemie grassiert.
 
Doch dann muss ich an die obigen Beispiele denken: Ohne Traum kein Meilenstein der Filmgeschichte! Und James Cameron ist nicht der einzige, der durch Träume inspiriert wurde. In der Bibel spielen Träume eine wichtige Rolle. Da ist z. B. die Geschichte von Jakob und seinem Traum von der Himmelsleiter. Oder die bedeutenden Traumdeuter wie Josef oder der Prophet Daniel.
Und wenn ich so darüber nachdenke glaube ich, dass jene Menschen, die vor knapp 2000 Jahren Jesus von Nazareth „live“ erleben durften, spüren konnten wie es sich anfühlt, wenn der Traum vom Reich Gottes auf Erden Wirklichkeit wird.
 
Hat es sich nach 2000 Jahren ausgeträumt? Ich denke nicht. Im Gegenteil: Ich bin überzeugt davon, dass Gott uns mit Christus die Chance gibt, den Traum vom Paradies im Hier und Jetzt zu verwirklichen. Die Frage ist nur, ob wir bereit sind diesen Traum in uns tragen und auch leben zu wollen.
 
Träumen Sie weiter!
 
Ihr Vikar Jan Richer
 
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3-Minuten-Kirche am 10. Juni 2020

 

 

 

 

„Bleiben Sie zuversichtlich!“ Mit diesem Wunsch an die Zuschauenden beendet Ingo Zamperoni seit vielen Wochen abends die „Tagesthemen“. Ich finde das schön und auch bemerkenswert. Ein positiver Wunsch für den Abend nach vielen Nachrichten, die uns verzweifeln lassen können. Über viele Wochen war der Umgang mit dem Corona-Virus und alle damit verbundenen Folgen das Thema des Tages. Es beschäftigt uns noch weiter, aber viele andere Dinge kommen hinzu. Gewalt und Unterdrückung machen keine Pause, auch das Thema Kindesmissbrauch ist wieder da, der Brexit und die Geschehnisse in Amerika... Die Liste lässt sich leicht fortsetzen. Trotzdem sagt da jemand: „Bleiben Sie zuversichtlich.“ Wie kann das gelingen? Was kann mir bei all dem Zuversicht geben? Im Hebräerbrief lese ich: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebr. 11, 1) Mein Glaube kann mir auch in Zeiten wie diesen Zuversicht geben. Nicht weil die Welt dadurch automatisch besser wird, sondern weil ich darauf vertraue, dass Gott da ist. Glaube heißt für mich, nicht nur zuversichtlich durch mein Leben zu gehen, sondern vor allen Dingen Vertrauen zu haben. Vertrauen, dass Gott mich auf meinem Lebensweg begleitet, egal was passiert. Denn Gott ist nicht dafür zuständig, dass in meinem Leben alles gut geht und glatt läuft. Aber ich kann mich jederzeit im Gebet an ihn wenden und ihn bitten, mir die nötige Portion Mut, Geduld, Hoffnung, Kraft oder auch Zuversicht zu geben, die ich gerade brauche. So vertraue ich nicht nur für mein Leben, sondern auch für das große Ganze darauf, dass Gott da ist und uns begleitet. Ich vertraue darauf, dass es Menschen gibt, die genauso auf Gott vertrauen und mit Mut, Geduld, Hoffnung und Zuversicht in seinem Sinn handeln und damit die Welt ein wenig heller, freundlicher und friedlicher machen, allen schlechten Nachrichten zum Trotz. Darauf vertraue ich nicht nur, das erlebe ich auch immer wieder. Das macht mich zuversichtlich für die Zukunft.

 

Ihre Pastorin

                      

 

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Monatsspruch April 2021

Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung.
(Kolosser 1, 15)
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