3-Minuten-Kirche am 28. Juni 2020
 
 
„Während seines Pariser Aufenthaltes ging Rilke täglich um die Mittagszeit in Begleitung einer jungen Französin an einer alten Bettlerin vorbei. Stumm und unbeweglich saß die Frau da und nahm die Gaben der Vorübergehenden ohne jedes Anzeichen von Dankbarkeit entgegen. Der Dichter gab zur Verwunderung seiner Begleiterin, die selbst immer eine Münze bereit hatte, nichts. Vorsichtig darüber befragt, sagte er: ‚Man müsste ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.’ An einem der nächsten Tage erschien Rilke mit einer wundervollen, halberblühten Rose. Ah, dachte das Mädchen, eine Blume für mich! Aber er legte die Rose in die Hand der Bettlerin.
Da geschah etwas Merkwürdiges: Die Frau stand auf, griff nach seiner Hand, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang blieb sie verschwunden. Dann saß sie wieder auf ihrem Platz, stumm, starr, wie zuvor. ‚Wovon mag sie die ganzen Tage über gelebt haben?’ Rilke antwortete: ‚Von der Rose!’“
 
Diese Geschichte, die sich im Andachtsreader der Ev. Jugend Emsland-Bentheim findet, hat mich schon beim ersten Lesen vor vielen Jahren bewegt und spricht mich immer wieder neu an. Sie erzählt von den kleinen Dingen, die das Leben schön machen, so wie die Rose. Dinge, Erlebnisse, die das Herz ansprechen, die nicht notwendig sind zum überleben, die aber genauso wichtig sind und mir gut tun.
 
Manchmal gehen diese Dinge im Alltag unter, manchmal werden sie so selbstverständlich, dass ich sie aus dem Blick verliere. In den letzten Monaten habe ich viele Dinge noch einmal mit anderen Augen sehen gelernt. Alles, was bisher so selbstverständlich war, wurde in Frage gestellt. Und die kleinen, wichtigen Dinge des Lebens bekommen wieder einen anderen Stellenwert. Dafür bin ich dankbar.
 
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ So heißt es heute im Gottesdienst im Psalm 103. Ich möchte nicht vergessen, dass so viele Dinge in meinem Leben eben nicht selbstverständlich sind, dass ich an vielen Stellen reich beschenkt und gesegnet bin. Einer von vielen Gründen, Gott zu loben und dankbar zu sein.
 
Vielleicht fallen Ihnen ja auch kleine Dinge oder kleine Erlebnisse ein, die Ihr Herz angesprochen haben und Sie dankbar machen. Vergessen Sie sie nicht!
 
Ihre Pastorin 
 
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Monatsspruch Juli 2020

Der Engel des HERRN rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.
(1. Kön 19, 7 )
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