3- Minuten-Kirche am 18. April 2021
 
 
Ein Mann suchte Rat bei einem Rabbi weil er so unzufrieden mit seinem Leben war. Alles schien ihm beschwerlich. „Rabbi, wir wohnen mit 6 Personen in einem einzigen Raum. Ich halte es nicht mehr aus!“
Darauf der Rabbi „Dann nimm noch einen Ziegenbock mit in eure Wohnung auf und komm in einer Woche wieder zu mir.“ Der Mann verstand nicht wie ihm das helfen sollte. Doch aus Respekt vor dem Rabbi tat er es.
 
In der nächsten Woche kam er wieder. Nun war er völlig am Boden zerstört „Jetzt ist alles noch viel schlimmer als letzte Woche! Der Ziegenbock stinkt bis zum Himmel.“
Darauf der Rabbi „Dann geh jetzt heim, bring den Ziegenbock in den Stall zurück und komm in einer Woche wieder zu mir.“
 
Als der Mann nach 7 Tagen wieder vor dem Rabbi stand, strahlte er übers ganze Gesicht. „Nun, wie ist es jetzt?“ fragte der Rabbi. „Das fragen Sie im Ernst? Wie soll es uns gehen: wunderbar, perfekt, traumhaft! Das Leben ist schön! Wir genießen jeden Tag, jeden Atemzug, jede Sekunde. Es ist einfach schön - so ganz ohne den Ziegenbock; nur wir sechs!“
 
Wie es für jüdische Geschichten typisch ist, vermittelt auch diese kleine Erzählung mit Humor eine doch sehr tiefe Einsicht in das Wesen des Menschen; dass wir nämlich Vieles erst dann wertzuschätzen wissen, wenn wir es nicht mehr haben oder wenn sich die Lage verschlechtert hat.
 
Und ich finde, diese Geschichte passt sehr gut in unsere Situation. Für mich sind die Einschränkungen und Beschwernisse, die uns gerade notwendigerweise auferlegt werden wie die zu kleine Wohnung für die große Familie: sicherlich nicht schön und auf Dauer auch belastend - keine Frage. Aber auf der anderen Seite braucht es nicht viel Fantasie, um sich Szenarien auszumalen, die bedeutend belastender wären.
 
Wir Menschen haben einen Hang zur Perfektion und Optimierung; wir sind gut darin, Fehler zu finden und sehen leicht das, was besser sein könnte. Dieser Blick auf das Leben hat natürlich auch sein Gutes! Denn er treibt uns an und voran. Aber auch der Blick in die andere Richtung ist wichtig: Der Blick auf das, was bereits alles gut (wenn auch nicht optimal) ist - und worüber wir klagen würden, wenn es genommen würde.
 
Hoffen wir also, dass uns nicht demnächst ein Ziegenbock ins Haus steht - und freuen wir uns über unsere kleine Wohnung!
 
Ihr/ euer Pastor
                           
 

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